Marco Bülow: Dein Klima. Deine Welt. Deine Wahl.

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1. Selbstzerstörung

Mittendrin

Alle reden von 1,5 Grad Celsius. Doch die nackte Wahrheit ist, wir steuern den Planeten aktuell auf eine Erwärmung von 4-5 Grad zu. Willkommen in einem Zeitalter, in dem die Menschen längst zum wichtigsten Einflussfaktor auf die biologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden sind. Die Folgen für unsere Lebensgrundlagen sind verheerend, wir sind mittendrin in der Klimakrise und in einem gigantischen Artensterben.

Ohne ein radikales Umsteuern rasen wir dem Kollaps entgegen, der alles in den Schatten stellen wird. International, aber auch national werden vor allem die Menschen besonders unter dem Klimawandel und dem Ökozid leiden, die am wenigsten dazu beigetragen haben und die über die geringsten finanziellen Ressourcen verfügen. Die reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung sind für 52 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Das Herstellen von Klimagerechtigkeit, die Rettung der Biodiversität (Artenvielfalt, Vielfalt der Ökosysteme, genetische Vielfalt), der Stopp des Raubbaus an Ressourcen und Gütern, das Ende der Vermüllung sind für uns Menschen die bisher größten Herausforderungen.

Wegducken und abwarten sind keine Option mehr, sondern kommen viel mehr einem Verbrechen gleich. Und nein, nicht die Klimawandelleugner*innen sind das Hauptproblem, sondern die falschen Versprechen, Beschönigungen und angeblich notwendigen Interessensabwägungen der in Verantwortung Stehenden sind es. Machen wir es deutlich: Wer heute davon spricht und sich dafür auch noch feiern lässt, 2040 klimaneutral sein zu wollen, der hat nichts begriffen. Es ist, als würde man Verhungernden blumig ankündigen, in einigen Wochen mal ein Carepaket zusammenzustellen. Wir müssen in 12-15 Jahren emissionsfrei sein (https://info-de.scientists4future.org/). Nach verlorenen Jahren des Ignorierens, Blockierens und Verschleppens sind jetzt dafür umso größere Anstrengungen nötig. Hauptverantwortlich dafür sind die Merkelregierungen und ihre Fraktionen. Nicht die Forderungen überfälliger lebensnotwendiger Entscheidungen sind radikal oder extrem, sondern diese Ignoranz des business as usual.

Vernichtung der eigenen Lebensgrundlagen

Die industrielle Landwirtschaft, die Waldvernichtung und das immense Verbrennen fossiler Rohstoffe haben dazu geführt, dass wir viel mehr Kohlendioxid ausstoßen als von den natürlichen Speichern, wie den verbleibenden Wäldern, Gewässern und Böden, gebunden werden kann. Damit haben wir eine Spirale in Gang gesetzt, die nicht mehr nur allein durch eine starke Reduktion des Kohlendioxidausstoßes gestoppt werden kann. Es nähern sich Kipppunkte, die unser Leben massiv beeinträchtigen werden, weil abrupte Klimaänderungen einsetzen, wenn bestimmte Schwellen überschritten werden. Beim klimawandelbedingten Auftauen des Permafrostbodens beispielsweise wird so viel Methan und Kohlendioxid freigesetzt, dass das bisherige Klimasystem noch schneller aus den Fugen gerät.

Wir vergrößern jedes Jahr zudem unseren ökologischen Fußabdruck, d.h. wir verringern die Fläche, die uns Menschen unseren Lebensstil und Lebensstandard dauerhaft ermöglicht. Der Earth Overshoot Day lag 1970 noch auf dem 29. Dezember. 2019 wurde schon am 29. Juli der Tag erreicht, an dem unsere Nachfrage nach Rohstoffen die Kapazität der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen überstiegen hat. Unsere Lebensgrundlagen basieren jedoch auf sauberem Wasser, Luft, fruchtbaren Böden und auch auf einer hohen Artenvielfalt. Doch jeden Tag vernichten wir 150 Arten, die für immer ausgelöscht werden. Die natürlichen Tierbestände insgesamt sind seit 1970 weltweit um 68 Prozent gesunken, 8 Prozent allein in den letzten zwei Jahren. Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht.

Auch in Deutschland sterben gewaltige Massen an Tieren, insbesondere Insekten. Dies betrifft einzelne Arten, aber auch die Gesamtzahl. Wir begreifen nicht mal, was das für uns bedeutet und wie abhängig wir letztlich von der Natur sind. So sind beispielsweise mehr als die Hälfte der 561 Wildbienenarten unmittelbar vom Aussterben bedroht. Wenn wir das Bienensterben nicht stoppen, wird eine Kettenreaktion ausgelöst werden. Ohne Bienen und andere Bestäuber fallen viele Nahrungsmittel weg. Insekten dienen auch als Grundlage für das Überleben anderer Tiere, wie z.B. Vögel. Und so hängen wir alle voneinander ab. Viele Menschen in Deutschland könnten relativ einfach zum Schutz von Bienen und anderen Insekten beitragen, indem sie ihre Gärten entsprechend gestalten. Schließlich ist die Fläche der Gärten hierzulande ungefähr so groß wie die Fläche aller Naturschutzgebiete.

Wälder sind der wichtigste Lebensraum für viele Arten. In der westlichen Welt sind viele Wälder längst nur noch Industriewälder ohne große Artenvielfalt. Artenreiche Ur- und Regenwälder in anderen Teilen der Welt werden in Rekordtempo abgeholzt, häufig um Platz zu schaffen für den Anbau von Tierfutter. Unser Fleischkonsum ist also maßgeblich mitverantwortlich für die Waldzerstörung. Dies hat direkte Folgen für den Klimawandel und das Artensterben, denn der Rückgang natürlicher Waldflächen verhindert auf der einen Seite die Aufnahme von CO2 und treibt auf der anderen Seite das Artensterben voran.

Die Effekte des Klimawandels und des Artensterbens treffen nicht nur national vor allem jene besonders heftig, die am wenigsten dazu beigetragen haben. Dies gilt auch international. Die reichen Industriestaaten mit ihrem großen ökologischen Fußabdruck tragen die größte Verantwortung, während unter den deutlichsten Auswirkungen die ärmeren Länder besonders zu leiden haben. Klimaschutz ist also nicht nur eine ökologische, sondern auch eine soziale Frage.

Lobby AG Deutschland

Ganz Europa lebt über seine Verhältnisse und trägt damit erheblich zum Klimawandel bei. Deutschland war 2019 mit 866 Millionen Tonnen Kohlendioxidausstoß pro Jahr sechstgrößter Klimasünder weltweit, obwohl es nur an 17. Stelle bei der Einwohnerzahl steht.

Ein Grund dafür ist vor allem der immense Einfluss der Profitlobby auf die europäische und nationale Politik. Obwohl Millionen Menschen für Klimaschutz auf die Straße gehen, eine deutliche Mehrheit in der Bevölkerung mehr Klimaschutz einfordert, wird durch die Verflechtung von Politik und einem Teil der Wirtschaft eine konsequente Klimapolitik verhindert. Die Interessen der Autoindustrie, Agrarlobby und der fossilatomaren Dinosaurier werden gehört und durchgesetzt.
Selbst wenn der Druck für einen Kurswechsel immens steigt, werden, wie z.B. beim Kohleausstiegsgesetz, Kompromisse und Geschenke gemacht, selbst wenn diese auch kurzfristig ökonomisch gedacht nicht mehr zu rechtfertigen sind. Es funktioniert in der Regel so einfach wie in diesem Fall: Stanislaw Tillich, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen, wird Vorsitzender der Kohlekommission, die weitere Subventionen an die Kohlelobby und einen späten Kohleausstiegstermin vorschlägt. Zur Belohnung bekommt er dann direkt im Anschluss einen hoch bezahlten Chef-Posten bei dem Braunkohle Unternehmen Mibrag.

Auf diese Art und Weise führt der Einfluss der Profitlobby dazu, dass jährlich insgesamt 46 Milliarden Euro für klima- und gesundheitsschädliche Subventionen ausgegeben werden. Anstatt also Erneuerbare Energien zu fördern und Arbeitsplätze in grünen Sektoren aufzubauen, werden direkt und indirekt klimaschädliche Unternehmen und Produkte subventioniert. Die Politik in Deutschland und Europa hat ein System geschaffen, in dem der Gewinn privatisiert und geschützt wird, egal welche sozialen und ökologischen Konsequenzen dies hat oder welche Kosten dabei entstehen. Die Risiken und die Folgekosten dagegen trägt stets die Allgemeinheit.

2. Menschenschutz

Öko ist Ego

Treffen sich zwei Planeten. Das eine ist die Erde. Sagt der andere Planet zur Erde: „Was ist los, siehst schlecht aus?“ Antwortet die Erde: „Geht mir auch richtig schlecht, ich habe Homo Sapiens“. Entgegnet der der andere Planet: „Oh … ist übel, aber geht schnell vorbei!“

Ein alter Witz, der heute kaum noch als Galgenhumor durchgehen kann, aber er trifft es genau. Die Erde wird überleben und egal, wie groß die Zerstörungen sind, auch von der Natur wird etwas übrigbleiben. Was kaum einer versteht: es ist kein selbstloser Schutz für Pflanzen und Tiere, den süßen Panda oder den armen Wal, der uns in erster Linie antreiben sollte, sondern purer Egoismus, ureigenster Überlebenswille. Die Rettung der eigenen Art werden wir nur gewährleisten, wenn wir unsere Lebensgrundlagen schützen. Ökologische Lebensweise ist Menschenschutz. Ja, auch Menschen könnten bis zu einem gewissen Punkt noch überleben, aber wie viele und zu welchem Preis? Davon abgesehen, wie gnadenlos ungerecht ist es, wenn wenige Generationen alles aufbrauchen, ausplündern, zerstören und die unzähligen nachfolgenden Generationen dann damit allein lassen?

Demokratie entscheidet

Weitreichende Entscheidungen, die unsere Zukunft und unsere Lebensgrundlagen betreffen, werden ohne die Mitbestimmung der Bevölkerung getroffen. Sie werden gerade in der Umweltpolitik ohne oder gegen wissenschaftliche Grundlagen gefällt, dafür aber in Abstimmung mit der alten Auto-, Agrar- und Fossil-Lobby. Wir brauchen dringender denn je, eine echte diskursive und profitlobbyfreie Demokratie. Nur, wenn wir Politik wieder erfahrbar und transparent gestalten und alle Teile der Bevölkerung an der Gestaltung der Politik teilhaben lassen, werden wir die wachsende soziale Ungleichheit verringern und den fortschreitenden Klimawandel aufhalten können.

Ein erster Schritt in diese Richtung könnte die Einberufung eines gelosten Klima- und Umweltrats sein, der mit klaren Befugnissen ausgerüstet werden muss. Weitere direkte Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten müssen ergänzt werden. Mehr Mitbestimmung der Bevölkerung muss Hand in Hand gehen mit Transparenz und einer stärkeren Regulierung der Profitlobby. Bislang darf sich die Profipolitik ihre eigenen Regeln machen und auf Kosten der Allgemeinheit bereichern. Dies muss ein Ende haben. Wir brauchen stattdessen klare Regeln und die Abschaffung des Fraktionszwangs.

Ein weiterer wichtiger Schritt ist die Verabschiedung eines Ökozid-Gesetzes. Ein Gesetz, das es uns ermöglicht, Staaten und Unternehmen für den Ökozid, den Mord an der Natur und den daraus folgenden verheerenden Folgen für die Menschen am Internationalen Strafgerichtshof zu verklagen. Auch müssen das Klimaschutzziel im Grundgesetz verankert, die Schritte dorthin überprüft und Abweichungen sanktioniert werden. Das Prinzip der Freiwilligkeit hat ausgedient – es ist gnadenlos gescheitert.

Überleben

Wir müssen den Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und dem Artensterben, bzw. dem Rückgang der Biodiversität, bei unseren Maßnahmen berücksichtigen. Saubere Luft, trinkbares Wasser, artenreiche Wälder und fruchtbare Böden binden nicht nur Kohlendioxid, sondern sichern die Biodiversität. Die zweifache Krise erfordert naturbasierte Lösungen und einen konsequenten Schutz bestimmter Regionen und Flächen. Naturschutz und das Erreichen des 1,5 Grad Ziels können nur zusammen gelöst werden. Die Zerstörungen und Belastungen als Folge unseres Handels müssen einen Preis bekommen, der sofort zu entrichten ist.

Bis 2030 müssen 30 Prozent und bis 2050 die Hälfte der globalen Erdflächen unter Naturschutz gestellt werden. Für die Erreichung des 1,5 Grad-Ziels dürfen wir nicht mal mehr als 300 Milliarden Tonnen Treibhausgase ausstoßen. Für Deutschland bedeutet das ein Kontingent von 4,2 Milliarden Tonnen, welches bei linearer CO2-Reduktion bereits 2032 aufgebraucht wäre – womit die Klimaneutralität also in gut zwölf Jahren und nicht erst 2040 erreicht werden muss. Je stärker jetzt die Einsparungen sind, desto mehr Zeit erkaufen wir uns.

Dazu brauchen wir einen sozial-ökologischen Deal. Einen Masterplan für den Ausbau der Erneuerbaren Energien, für eine Effizienzrevolution und für eine Suffizienzstrategie. Das bedeutet aber einen Systembruch: nicht nur eine Energie-, sondern auch eine Agrar-, eine Verkehrs-, und letztlich eine Demokratiewende. Gleichzeitig muss man international mit einer Koalition der Willigen vorangehen und ebenfalls klare Maßnahmen gegen das Artensterben, den Ressourcenraubbau und die Verschmutzung durch Plastik und viele andere Schadstoffe umsetzen. Zentral ist dabei der Schutz von immer mehr Naturflächen, eine große Agrarwende und Bodenreform. Grundbedingung dafür ist national wie global eine gerechte Auf- und Verteilung der Kosten und Anstrengungen. Ohne Widerstand gegen die alte Profitlobby und die Superreichen wird es nicht gehen.

Gutes Leben

Wir sollten aufhören, vor allem von der Belastung zu reden, die auf uns zukommt. Die größte Krise, die wir erleben, bietet auch eine große Chance. Krisis bedeutet eigentlich Wendepunkt. Es ist Risiko und Chance zu gleich. Die Chance, uns endlich als Weltgemeinschaft zu sehen, die voneinander abhängig und ein Teil der Natur ist. Denn außer Zerstörung und Gewalt hat den Menschen auch immer ausgezeichnet, dass er solidarisch, gemeinschaftlich handeln kann. Dass er anpassungsfähig und erfinderisch ist.

Allein die Technologien, die im Bereich der Effizienz und der Erneuerbaren Energien bereits entwickelt wurden, zeigen, wozu wir fähig sind. Man stelle sich vor, wir würden unsere ganze Kraft in diese Bereiche stecken, anstatt die alten zerstörerischen Bereiche noch weiter zu subventionieren und zu schützen. Natürlich können wir mit Technologien allein nicht alles lösen. Es ist eine ganz andere Lebensweise, ein ganz anderes System nötig. Wir sollten uns vor allem die Frage stellen, was können wir gewinnen, nicht, was haben wir zu verlieren? Wie wollen wir leben? Freier, weniger lohnabhängig, weniger ungleich, mehr im Einklang mit der natürlichen Umgebung, entspannter, gesünder, solidarischer? Viel mehr Menschen und alle nachfolgenden Generationen hätten die Chance auf ein gutes Leben.

Finanziert durch Marco Bülow, MdB